Bevor du dir die Vergleichs-Tabellen anschaust: drei Konzepte sind so zentral, dass sie über Sinn und Unsinn jeder Income-ETF-Position entscheiden. Wer sie ignoriert, kauft nach Yield-Zahl und merkt erst Jahre später, dass das eigentliche Vermögen geschrumpft ist.
1. NAV-Erosion — die Yield kommt aus der Substanz
Klassische Covered-Call-ETFs (QYLD, XYLD, RYLD) verkaufen jeden Monat ATM-Calls auf 100% des NAV. In Bull-Markets werden diese Calls regelmäßig ausgeübt — der ETF muss seine Aktien zum (niedrigeren) Strike verkaufen und das Underlying weiter unten zurückkaufen. Über Jahre frisst dieser Mechanismus die Substanz.
QYLD vs. QQQ über 10 Jahre (2014–2024):
| QYLD (Covered Call) | QQQ (reiner Nasdaq-100-ETF) |
| Distribution-Yield p.a. | ~11% | ~0,6% |
| Kurs-Performance 10J | −45% | +440% |
| Total Return 10J (inkl. Distributions, reinvestiert) | ~+85% | ~+540% |
| $10.000 Endwert (TR) | ~$18.500 | ~$64.000 |
Die Yield ist real — aber sie kommt zu einem hohen Preis. Wer Income-ETFs als Wachstumsanlage missversteht, verschenkt im Vergleich zum simpleren Index-ETF einen Großteil des Vermögensaufbaus.
📋 Faustregel zur NAV-Erosion: Je höher die Yield, desto stärker die Erosion. 12%-Yield-ETFs (QYLD, MSTY) sind keine Geldmaschinen — sie sind Cash-Konvertierer. Sie tauschen Substanz gegen Liquidität.
2. Yield ≠ Return — die wichtigste Kennzahl ist Total Return
Income-ETFs werden in Verkaufstexten und auf YouTube fast immer mit der Distribution-Yield beworben. Diese Zahl sagt aber nichts darüber aus, ob du am Ende Geld verdienst.
Rechenbeispiel — eine MSTY-Position über 12 Monate (stilisiertes Beispiel auf Basis typischer YieldMax-NAV-Entwicklung 2024/25, keine konkrete historische Periode):
- Einstieg: 100 Anteile à $25 = $2.500
- Distributions 12M: $2,40/Anteil × 100 = +$2.400 Cash
- Kurs nach 12M: $19,85 → 100 × $19,85 = $1.985 → −$515 NAV-Verlust
- Echter Total Return: +$2.400 − $515 = +$1.885 (+75% — wirkt gut)
- Aber: hätte man $2.500 in MSTR direkt investiert: bei +120% Bull-Rally = +$3.000 — und das ohne Steuer-Reibung der Distributions.
Die Distribution-Yield ist nur die halbe Wahrheit. Der Total Return (Kurs-Performance + reinvestierte Distributions) ist die einzige ehrliche Performance-Kennzahl. Die meisten Anbieter-Factsheets zeigen ihn — er steht aber selten in den Werbebannern.
⚠️ Achtung „Return of Capital": Bei YieldMax & Defiance wird ein Teil der monatlichen „Distribution" oft als Return of Capital klassifiziert — du bekommst dein eigenes Geld zurück. In den USA ist das steuerlich vorteilhaft (kein Income), in DE meist als Kapitalrückzahlung mit Anschaffungskosten-Reduktion zu behandeln. Steuer-Sub-Kapitel dazu konsultieren.
3. Capped Upside — die Bull-Market-Falle
Covered Calls verkaufen das Aufwärtspotenzial — gegen Cash. Solange der Markt seitwärts läuft oder leicht steigt, ist das ein gutes Geschäft: die Calls verfallen wertlos, du behältst die Prämie.
Sobald der Markt aber stark steigt, bist du raus: die verkauften Calls werden ausgeübt, du erhältst nur den Strike-Preis. Während der Underlying-Index +30% macht, erwirtschaftet ein Index-CC-ETF vielleicht +5–8%.
Szenario-Performance (typische Erwartung über 12 Monate):
| Szenario | QQQ (Nasdaq-100) | QYLD (Index-CC ATM) | JEPQ (ELN-Hybrid) | GPIQ (OTM-CC) |
| Starker Bull (+30%) | +30% | ~+8% | ~+18% | ~+22% |
| Range (±5%) | ~+2% | ~+11% | ~+8% | ~+8% |
| Korrektur (−10%) | −10% | ~−2% | ~−5% | ~−6% |
| Crash (−30%) | −30% | ~−22% | ~−25% | ~−26% |
Im Range-Markt sind Covered-Call-ETFs überlegen. Im Bull-Markt verlieren sie deutlich. Im Crash dämpfen die eingenommenen Prämien den Schaden — aber nicht dramatisch.
💡 Marktphasen-Bewusstsein: Income-ETFs bringen ihre stärkste Performance in seitwärts laufenden bis leicht steigenden Märkten. Wer 100% Income-ETF in einem Säkular-Bull (wie 2010er bei US-Tech) hatte, hat dramatisch underperformt. Wer 100% Index-ETF in der „verlorenen Dekade" 2000–2010 hatte, war am Ende gleich auf — Income-ETFs hätten dort outperformt.