6.7

🎯 Anwendung

Marktphasen, Dow-Theorie, Praxis-Übung und Minervini Trend Template

1. Marktphasen & Dow-Theorie

Wenn du nur eine einzige Idee aus der gesamten Charttechnik mitnehmen dürftest, dann diese: Märkte bewegen sich nicht zufällig, sondern in wiederkehrenden Phasen. Trends entstehen, reifen und sterben — immer nach demselben Drehbuch. Wer die aktuelle Phase erkennt, wählt die richtige Strategie. Wer sie verwechselt, bezahlt Lehrgeld: Trend-Strategien versagen in Seitwärtsmärkten, Mean-Reversion-Strategien werden in Trends zerrieben.

Die Sprache, in der wir über diese Phasen bis heute reden, stammt von einem einzigen Mann — einem Wirtschaftsjournalisten aus Connecticut, der im 19. Jahrhundert zufällig einen Index baute, um seine Leserschaft zu informieren. Er ahnte nicht, dass seine Beobachtungen 125 Jahre später die Grundlage jeder modernen Trendanalyse sein würden.

🎩 Die Geschichte hinter der Theorie — Charles Dow und das Wall Street Journal

Charles Henry Dow (1851–1902) war kein Mathematiker, kein Ökonom und kein Trader. Er war Journalist. Sohn eines Farmers aus Sterling, Connecticut, verließ er mit 16 die Schule, als sein Vater starb, und arbeitete sich als Schreiber bei Provinzzeitungen hoch. Mit 31 gründete er 1882 zusammen mit seinem Freund Edward Jones und dem Finanzier Charles Bergstresser in einem kleinen Büro in der Wall Street eine handgeschriebene Nachrichten-Flugschrift: die Customers' Afternoon Letter. Sieben Jahre später wurde daraus die wichtigste Finanzzeitung der Welt — das Wall Street Journal.

1896 veröffentlichte Dow einen Index aus zwölf Industrieunternehmen (darunter American Cotton Oil, General Electric und U.S. Leather), den Dow Jones Industrial Average. Von den ursprünglichen zwölf ist heute nur noch eine Firma übrig: General Electric wurde 2018 herausgenommen. Und trotzdem ist dieser Index — nach über 128 Jahren — immer noch der älteste aktive Aktienindex der Welt.

Dow selbst hat nie ein Buch über seine „Theorie" geschrieben. Er verfasste lediglich Editorials im Wall Street Journal. Nach seinem Tod 1902 sammelten seine Schüler Samuel A. Nelson (The ABC of Stock Speculation, 1903) und später William P. Hamilton (The Stock Market Barometer, 1922) sowie Robert Rhea (The Dow Theory, 1932) seine Texte und destillierten daraus das, was wir heute Dow-Theorie nennen. Ironie der Geschichte: Der Mann, dessen Name auf der wichtigsten Theorie der Charttechnik steht, wusste nicht, dass er eine Theorie entwickelte.

💡 Anekdote: Dow bekannter als sein Partner? Zufall. Die Namensreihenfolge „Dow Jones" hatte Dow selbst gewählt, weil „Jones Dow" unrhythmisch klang. Edward Jones verließ das Unternehmen 1899 im Streit. Heute kennt sein Name kaum jemand — der Index trägt ihn trotzdem.

📜 Die 6 Grundsätze (Tenets) der Dow-Theorie

Robert Rhea fasste Dows verstreute Editorials zu sechs Prinzipien zusammen. Diese sechs Sätze sind bis heute unverändert gültig — und sie stecken unsichtbar in jedem modernen Trendfolge-System:

1
📊 Der Markt diskontiert alles
Alle bekannten Informationen — Unternehmensgewinne, Zinsen, Krieg, Wetter, Erwartungen, Ängste — sind bereits im Kurs enthalten. Nicht, weil der Markt „schlau" ist, sondern weil Tausende von Akteuren mit unterschiedlichen Informationen gleichzeitig kaufen und verkaufen.
Konsequenz: Du musst keinen Informationsvorsprung haben, um zu handeln. Der Kurs ist die Information.
2
🌊 Der Markt hat drei Trend-Ebenen
Dow verglich die Ebenen mit dem Meer: Primärtrend (die Flut — Monate bis Jahre), Sekundärtrend (die Wellen — Wochen bis Monate, meist Korrekturen gegen den Primärtrend), Minor Trend (die Kräuselungen — Tage bis wenige Wochen, reines Rauschen).
Konsequenz: Wer im Wochenchart Primärtrends sieht, schläft ruhiger als wer im 5-Minuten-Chart Kräuselungen jagt.
3
🎭 Primärtrends haben drei Phasen
Jeder Bullenmarkt (und jeder Bärenmarkt) durchläuft drei Stadien: Akkumulation (die Schlauen kaufen vorsichtig, niemand sonst interessiert sich), Public Participation (die Medien berichten, Trendfolger steigen ein, der Trend ist sichtbar), Distribution/Exzess (Euphorie, Schuhputzer geben Tipps, die Schlauen verkaufen an die Masse).
Konsequenz: Wer in Phase 3 kauft, ist nie ein Gewinner — er ist derjenige, an den verkauft wird.
4
🔗 Indizes müssen sich gegenseitig bestätigen
Dow glaubte: Ein Aufschwung ist erst real, wenn sowohl der Industrial Average (was produziert wird) als auch der Transportation Average (was transportiert wird) neue Hochs erreichen. Denn produzierte Güter müssen auch geliefert werden — sonst ist der Aufschwung Fiktion.
Konsequenz modern: S&P 500 steigt, aber Small Caps (IWM) nicht? Halbleiter (SMH) ziehen nicht mit? Warnsignal für bullische Divergenz — der Markt ist dünn getragen.
5
📢 Volumen bestätigt den Trend
Echte Trends werden von steigendem Volumen in Trendrichtung getragen. Gegen den Trend sollte das Volumen fallen. Wenn ein Aufwärtstrend auf niedrigem Volumen steigt, aber Korrekturen mit hohem Volumen kommen — ist das Vermächtnis aus Dows Zeit das, was moderne Quants On-Balance-Volume nennen.
Konsequenz: Breakouts ohne Volumen sind meist Fake-Outs. Volumen ist die Lüge-Detektor des Charts.
6
🛡️ Der Trend gilt, bis er eindeutig widerlegt ist
Ein Aufwärtstrend besteht aus höheren Hochs und höheren Tiefs. Solange dieses Muster intakt ist, ist der Trend intakt — auch wenn ein Rücksetzer schmerzt. Erst wenn ein signifikantes Tief unterschritten wird, ist der Trend gebrochen.
Konsequenz: Aussitzen statt jedem Wackeln auszuweichen. Viele Anfänger verlieren nicht, weil sie falsch einsteigen, sondern weil sie zu früh aussteigen.

⏳ Die drei Trend-Ebenen im Detail

Die Meeresmetapher von Dow war kein Zufall — er wuchs an der Küste auf. Wer die drei Ebenen kennt, versteht, warum derselbe Chart auf verschiedenen Zeitrahmen scheinbar widersprüchliche Signale liefern kann:

EbeneDauerMetapherZeitrahmenWer handelt hier?
🌊 PrimärMonate bis JahreDie FlutWeekly / MonthlyLangfristige Investoren, Pensionsfonds
🏄 Sekundär3 Wochen bis 3 MonateDie WellenDailySwing-Trader, aktive Fondsmanager
💨 MinorTage, selten über 3 WochenDie KräuselungHourly / 15-MinDaytrader, Scalper, HFT-Algorithmen

Wichtig: Sekundärtrends bewegen sich gegen den Primärtrend. Ein 10–15 %-Rücksetzer in einem Bullenmarkt ist normal und gesund — keine Trendumkehr. Rhea nannte das die „notwendige Atempause" eines Trends.

🎭 Die drei Phasen eines Primärtrends — das Drehbuch jedes Bullen- und Bärenmarktes

Dow beobachtete, dass jeder Primärtrend nach demselben dreiaktigen Muster abläuft. Dieses Schauspiel wiederholt sich seit 125 Jahren — in jeder Blase, in jedem Crash, in jedem Bullenmarkt. Nur die Namen und Branchen wechseln.

Bullenmarkt-Drehbuch
AktPhaseWas passiertWer kauft?Stimmung
I🌱 AkkumulationNach Crash. Nachrichten noch schlecht. Kurs bildet Boden in Seitwärtsbewegung.Insider, Value-Investoren, „Smart Money"Pessimismus, Resignation
II🚀 Public ParticipationGewinne verbessern sich, Medien werden positiv, Trend wird sichtbar.Trendfolger, aktive Manager, technische TraderVorsichtiger Optimismus
III🎉 Distribution / ExzessJeder spricht über Aktien. IPOs explodieren. Taxifahrer geben Tipps.Retail-Masse, „Dumb Money", FOMO-KäuferEuphorie, Gier, „This time is different"
Bärenmarkt-Drehbuch
AktPhaseWas passiertWer verkauft?Stimmung
I📉 Distribution (Verteilung)Nach dem Top. Kurs seitwärts, Smart Money gibt ab. Nachrichten noch positiv.Insider, Profis, VermögensverwalterEuphorie, Selbstzufriedenheit
II🧨 Panic / AbverkaufSchlechte Nachrichten häufen sich, Kurs bricht ein, Margin Calls, Stops ausgelöst.Alle auf einmal — Retail, Institutionelle, AlgosAngst, Panik
III⚰️ Kapitulation / VerzweiflungLetzte Bulls geben auf. „Niemand wird je wieder Aktien kaufen." Bodenbildung.Letzte Halter werfen hin — Smart Money sammelt einResignation, Hoffnungslosigkeit

💡 Joseph Kennedys Schuhputzer-Moment (1929): Der Vater von John F. Kennedy war einer der wenigen, die vor dem Crash rechtzeitig ausstiegen. Seine Begründung: „Als mein Schuhputzer mir Aktientipps gab, wusste ich, dass der Markt zu weit gelaufen war." Das ist exakt Phase III des Bullenmarkts — die Distribution an die Masse. Kennedy verkaufte 1928, rettete sein Vermögen und legte damit das Fundament für den späteren politischen Aufstieg seines Sohnes.

🔬 Die Wyckoff-Erweiterung — Dow mit chirurgischer Präzision

Richard D. Wyckoff (1873–1934), Zeitgenosse von Dow und Gründer des Magazine of Wall Street, verfeinerte die drei Dow-Phasen zu einem Vier-Phasen-Zyklus, der bis heute das Lehrbuch institutioneller Trader ist. Wyckoff beobachtete nicht nur den Kurs, sondern auch das Verhalten des „Composite Operator" — seiner Idee eines idealisierten Großinvestors, der den Markt wie ein Spiel mit mehreren Akten inszeniert.

🟢 1. Akkumulation (Accumulation)

Nach dem Tief. Smart Money kauft langsam über Wochen/Monate, ohne den Preis zu treiben. Kurs bewegt sich in einer klar definierten Range. Volumen zeigt charakteristische Muster: Selling Climax (Panikverkäufe), Automatic Rally, Secondary Test, Spring (letztes Shake-Out unter Support, um Stopps abzuräumen). Erkennungsmerkmal: Volumen sinkt auf Rücksetzern, steigt auf Rallyes.

Strategie: Vorsichtig long gehen, klein positionieren
📈 2. Markup (Aufwärtsbewegung)

Der Breakout aus der Akkumulations-Range. Trend entwickelt höhere Hochs und höhere Tiefs. Volumen begleitet Aufwärtsbewegungen, Rücksetzer sind flach und kurz. Dies ist die profitabelste Phase für Trendfolge-Strategien. Dauert Monate bis Jahre. Jeder Rücksetzer wird schnell wieder aufgekauft.

Strategie: Trendfolge, Bull Call Spreads, Long Calls
🔴 3. Distribution (Verteilung)

Nach dem Top. Smart Money verkauft langsam an die euphorische Retail-Masse. Kurs seitwärts oder leicht aufwärts, aber neue Hochs werden nicht mehr bestätigt. Klassische Muster: Buying Climax, Upthrust (Fehlausbruch nach oben), Sign of Weakness. Volumen steigt bei Rücksetzern, sinkt bei Rallyes — genau umgekehrt zur Akkumulation.

Strategie: Gewinne sichern, Hedges aufbauen, vorsichtig short
📉 4. Markdown (Abwärtsbewegung)

Der Breakdown aus der Distributions-Range. Trend entwickelt tiefere Tiefs und tiefere Hochs. Volumen begleitet Abwärtsbewegungen, Rallyes sind schwach und kurzlebig („Dead Cat Bounces"). Schnell und schmerzhaft: Bärenmärkte brauchen durchschnittlich nur 1/3 der Zeit eines Bullenmarkts — aber holen dafür oft 50 % wieder rein.

Strategie: Bear Put Spreads, Puts, Cash halten

💡 Merkhilfe für die Wyckoff-Phasen: „A-M-D-M" wie Akkumulation → Markup → Distribution → Markdown. Oder bildlich: Ansammeln → Aufsteigen → Abgeben → Absteigen. Die vier „A" sind dein mentaler Taktstock.

🏗️ Trendstruktur — was „höheres Hoch" wirklich bedeutet

Der vielleicht wichtigste praktische Satz der Dow-Theorie ist das Higher-High-Higher-Low-Prinzip (HH/HL). Es ist einfach, aber die meisten Trader wenden es nicht diszipliniert an:

TrendstatusMusterVisualisierungAktion
📈 Aufwärtstrend intaktHH + HL (Higher High + Higher Low)Jedes neue Hoch höher als das vorherige, jedes neue Tief höher als das vorherigeLong-Bias, Rücksetzer kaufen
⚠️ Aufwärtstrend schwächeltLH + HL (Lower High + Higher Low)Neues Hoch bleibt unter altem Hoch, aber Tief noch über altem Tief → Symmetrisches DreieckNeutral, auf Entscheidung warten
🔄 Trendumkehr-SignalLH + LL (Lower High + Lower Low)Erstes Zeichen: voriges Tief wird unterschritten — „Break of Structure"Long-Positionen reduzieren oder schließen
📉 Abwärtstrend intaktLL + LH (Lower Low + Lower High)Jedes neue Tief tiefer als das vorherige, jedes neue Hoch tiefer als das vorherigeShort-Bias, Rallyes verkaufen

Merkidee — die „Treppen-Regel": Stell dir einen Aufwärtstrend als Treppe vor. Jede Stufe hat ein höheres Podest (Hoch) und eine höhere Plattform (Tief). Solange du nur noch höher auf die nächste Stufe steigst, ist der Trend intakt. Bricht eine Stufe ein (tieferes Tief), gerät die Treppe aus dem Takt.

⚙️ Praktische Marktphasen-Erkennung — drei Methoden

Theorie ist schön — aber du brauchst konkrete Regeln für den Alltag. Hier sind drei bewährte Methoden, von der einfachsten zur präzisesten:

Methode 1 — Die 20/50/200-SMA-Kaskade
SMA-Reihenfolge (von oben nach unten)MarktphaseWyckoff-Entsprechung
Kurs > SMA 20 > SMA 50 > SMA 200📈 Klarer AufwärtstrendMarkup
SMAs verflochten, Kurs pendelt um sie↔️ SeitwärtsphaseAkkumulation oder Distribution
Kurs < SMA 20 < SMA 50 < SMA 200📉 Klarer AbwärtstrendMarkdown
SMA 50 kreuzt SMA 200 nach oben🌟 Golden CrossBeginn Markup
SMA 50 kreuzt SMA 200 nach unten💀 Death CrossBeginn Markdown
Methode 2 — ADX als Trend-Stärke-Messer

Der Average Directional Index (Welles Wilder, 1978) misst, wie stark ein Trend ist — unabhängig von der Richtung. Er ist der Schiedsrichter für „Trend oder Range?":

ADX-WertTrend-StärkeInterpretationStrategie-Empfehlung
< 20Schwach / kein TrendMarkt in Range oder KonsolidierungMean-Reversion, Iron Condor, Short Strangle
20–25Beginnender TrendTrend formiert sich, noch ungewissAbwarten oder erste kleine Positionen
25–40Solider TrendTrend ist bestätigt und tragfähigTrendfolge, Momentum-Strategien
> 40Sehr starker TrendExplosives Momentum — oft kurz vor EndeEnge Trailing Stops, Gewinne mitnehmen
Methode 3 — Der „3-Säulen-Check" für Profis

Kombiniere drei unabhängige Signale. Nur wenn alle drei übereinstimmen, ist die Phase klar:

  • Säule 1 — Struktur: Liefert der Chart HH/HL oder LL/LH?
  • Säule 2 — Trendstärke: Was sagt der ADX?
  • Säule 3 — Volumen: Bestätigt das Volumen die Richtung (Dow-Prinzip 5)?

🧠 Merkideen & Eselsbrücken

EselsbrückeBedeutung
🔔 „Schuhputzer-Regel"Wenn nichttechnische Personen (Taxifahrer, Friseur, Schuhputzer) dir Aktientipps geben → Phase III (Distribution) — raus oder absichern.
🌊 „Dow-Meer"Primär = Flut, Sekundär = Wellen, Minor = Kräuselung. Wer nur das Wasserspiel an der Kaimauer beobachtet, sieht die Flut nicht.
🪜 „Treppen-Regel"Aufwärtstrend = Treppe mit höheren Podesten und höheren Plattformen. Solange die Treppe intakt, bleib drin.
🎭 „A-M-D-M"Die Wyckoff-Phasen als vier-aktiges Schauspiel: Ansammeln → Aufsteigen → Abgeben → Absteigen.
⚖️ „Indizes-Handschlag"Industrie-Index steigt, aber Transport-Index (oder Small Caps) nicht? Kein sauberer Trend — der Markt lügt.
📢 „Volumen = Lügendetektor"Kein Volumen = keine Überzeugung. Breakout ohne Volumen ist ein Fake-Out in Warteposition.
🛡️ „Trend ist unschuldig, bis widerlegt"Ein Rücksetzer ist keine Umkehr. Erst wenn ein signifikantes Tief bricht, ist der Trend tot.

❌ Typische Fehler beim Anwenden der Dow-Theorie

  • Zu viel Zoom: Jemand sieht im 5-Minuten-Chart einen „Trend" und handelt. Das ist Minor-Ebene — reines Rauschen. Dow würde sagen: schau auf Weekly, bevor du Monday-Trade machst.
  • Phase verwechselt: Iron Condor in einem klaren Trend verkaufen → Totalverlust auf einer Seite. Momentum-Trade in Akkumulation → stetige Whipsaws.
  • Kapitulations-Shorts: In Phase III des Bärenmarkts noch short gehen, weil „es fällt ja". Das ist oft der Moment, in dem Smart Money wieder akkumuliert.
  • Top-Signal ohne Bestätigung: Ein einzelnes Lower High ist kein Trendbruch. Dow verlangte zwei Bestätigungen (Indizes-Handshake + Strukturbruch).
  • Ignorieren des Volumens: Moderne Trader stützen sich oft nur auf Indikatoren. Dow hätte das als Einäugigkeit bezeichnet.

📋 Zusammenfassung — die Essenz in drei Sätzen

  1. Finde die Phase zuerst, dann die Strategie. Trend-Strategien gewinnen in Markup/Markdown, Mean-Reversion in Akkumulation/Distribution.
  2. Höhere Zeitebene dominiert. Der Primärtrend (Weekly) frisst jeden Sekundärtrend (Daily) — handle nie gegen ihn, sondern mit ihm.
  3. Volumen und Struktur gemeinsam. Ein Trend ohne Volumen ist eine Illusion. Ein Volumenanstieg ohne Strukturbruch ist ein Signal auf Abruf.

💡 In sTraderZ.com siehst du den Trend-Kontext deiner Märkte im Market Screen mit technischen Indikatoren (SMA 20/50/200, ADX, Volumen). Das Cheatsheet „Marktphasen & Dow-Theorie" fasst die wichtigsten Phasen, Regeln und Merkhilfen auf einer druckbaren A4-Seite zusammen — ideal zum Aufhängen neben den Monitor.

Verwandte Theorie — Markt-ZyklenWyckoff & Sentiment4 Marktphasen, Sentiment als Kontra-Indikator

2. 🎯 Praxis-Übung: 5 Charts — was siehst du?

Theorie allein hilft nicht. Öffne TradingView.com in einem neuen Tab. Für jedes Chart unten: Beantworte die drei Fragen selbst, bevor du auf „Auflösung" klickst.

Chart 1: Apple (AAPL) Daily, letzte 6 Monate

  • Frage: In welcher Trendrichtung befindet sich AAPL?
  • Frage: Wo erkennst du Support-Niveaus?
  • Frage: Wo Resistance?

Chart 2: SPY (S&P 500 ETF) Daily

  • Frage: Steht der SPY über oder unter dem SMA 200?
  • Frage: Gibt es in den letzten 5 Tagen eine Volumen-Auffälligkeit?

Chart 3: Tesla (TSLA) Weekly, letzte 2 Jahre

  • Frage: Höhere Hochs oder tiefere Tiefs?
  • Frage: Ist das ein Aufwärtstrend, Abwärtstrend oder Seitwärts?

Chart 4: Gold Futures (GC) Daily, letzte 12 Monate

  • Frage: Range (Seitwärtsbewegung in Band) oder Trend?
  • Frage: Wo wären die Bandgrenzen bei Range-Interpretation?

Chart 5: DAX (DE40) Daily, letzte 3 Monate

  • Frage: Findest du ein Bullish Engulfing oder Bearish Engulfing in den letzten 30 Tagen?
  • Frage: Bei hohem Volumen bestätigt?
✅ Selbstcheck: Wenn du 4 von 5 Charts sinnvoll beantworten kannst, bist du bereit für Phase 5 des Lernpfads (Konservative Optionen). Wenn weniger — lies die 5-Konzepte-Section nochmal und mach die Übung in einer Woche erneut.

Es gibt keine „richtige" Lösung — die Märkte verändern sich. Der Sinn der Übung ist, dass du konsistente Interpretationen lieferst: Nennst du AAPL heute als Aufwärtstrend und morgen dasselbe Chart als Abwärtstrend? Dann lies die Grundlagen-Sections nochmal.

3. 📊 Minervini Trend Template

Was ist das Minervini Trend Template?

Mark Minervini ist einer der erfolgreichsten US-Trading-Champions — bekannt durch dreistellige Jahresrenditen und seinen Sieg im U.S. Investing Championship 1997 (155 % Rendite). Seine SEPA-Methode (Specific Entry Point Analysis) identifiziert Aktien in einem Stage-2-Uptrend, also dem optimalen Kauf-Stadium nach Stan Weinsteins Stage-Analyse.

Das Trend Template prüft 8 objektive Kriterien, die alle gleichzeitig erfüllt sein müssen, damit eine Aktie als Stage-2-Kandidat gilt. Es ist ein reiner Filter — kein Entry-Signal. Die Idee: nur Aktien handeln, die schon nachweislich im Aufwärtstrend sind.

Die 8 Kriterien

#KriteriumLogik
1Kurs > SMA150 und SMA200Kurs liegt über beiden langen gleitenden Durchschnitten
2SMA150 > SMA200Mittlerer MA über langem MA — Aufwärtsstaffelung
3SMA200 steigt seit ≥ 20 HandelstagenLangfristiger Trend ist intakt
4SMA50 > SMA150 und SMA200Kurzfristiger MA führt — beschleunigte Stärke
5Kurs > SMA50Auch der kurzfristige Trend ist intakt — Kurs liegt über dem 50er-MA, kein Pullback unter den schnellen Durchschnitt
6Kurs ≥ 1,25 × 52-Wochen-TiefMindestens 25 % über dem Jahrestief
7Kurs ≥ 0,75 × 52-Wochen-HochMaximal 25 % unter dem Jahreshoch
8RS-Rating ≥ 70Stärker als 70 % aller Aktien im Universum (Percentile-Ranking der 12-Monats-Performance)

Hinweis: Manche Quellen fassen K1 und K5 zu „Kurs > SMA50, SMA150 & SMA200" zusammen und kommen dann auf 7 Kriterien. Wir folgen hier der Original-Aufzählung aus Minervinis Buch „Trade Like a Stock Market Wizard", weil K5 nicht zwingend aus K1+K4 folgt — der Kurs kann im Pullback zwischen SMA50 und SMA150 liegen.

Score-Interpretation

  • 8/8 — Stage 2: Alle Kriterien erfüllt. Ideale Ausgangslage für Breakout-Setups (z. B. Volatility Contraction Pattern, Cup & Handle, Flat Base).
  • 6–7/8: Starke Aufstellung, ein oder zwei Kriterien noch nicht erfüllt. Kandidat für die Watchlist.
  • ≤ 5/8: Kein echter Stage-2-Trend. Aktie ist entweder noch in Stage 1 (Bodenbildung) oder bereits in Stage 4 (Abwärtstrend).

Das RS-Rating in sTraderZ.com

Das RS-Rating wird in sTraderZ.com als Percentile-Ranking der 12-Monats-Performance aller Märkte im gewählten Universum berechnet. Beispiel: Eine Aktie mit RS-Rating 82 war in den letzten 12 Monaten stärker als 82 % des Universums.

⚠️ Wichtig: Dieses RS-Rating unterscheidet sich vom IBD-Rating (Investor's Business Daily), das auf dem gesamten US-Aktienmarkt (~6.000 Titel) basiert. In sTraderZ.com ist das Universum die gewählte Watchlist oder der gewählte Index. Ergebnisse können daher abweichen — ein Wert von 75 in einer 50-Aktien-Watchlist ist nicht gleichwertig mit einem IBD-RS-Rating von 75.

Praktische Hinweise

  • Mindest-Datenmenge: Kriterien werden nur berechnet, wenn der Markt mind. 200 Tage Kurshistorie hat. Märkte mit weniger Daten erscheinen nicht im Screen — typisch für IPOs der letzten 10 Monate oder neu hinzugefügte Symbole.
  • Universum-Wahl: Für US-Aktien ist der S&P 500 oder Nasdaq 100 ein gutes Universum. Für deutsche Aktien DAX/MDAX. Eine Watchlist mit eigenen Favoriten ist für persönliches Tracking sinnvoll, aber das RS-Rating dort ist nicht direkt mit dem IBD-Standard vergleichbar.
  • Kein Entry-Signal: Stage-2-Status (8/8) bedeutet nur „darf ich überhaupt schauen". Den Einstieg liefern zusätzlich Setups wie VCP-Breakouts, Cup & Handle oder Earnings-Reaktionen. Minervini selbst betont das immer wieder.
  • Sektor-Kontext: Stage-2-Aktien finden sich gehäuft in starken Sektoren. Wenn 20 % des Universums Stage 2 zeigen, ist das ein Bullenmarkt-Hinweis. Wenn nur 1–2 % — Vorsicht, der Markt insgesamt schwächelt.

Weiterführende Literatur

  • Mark Minervini: Trade Like a Stock Market Wizard (2013) — das Standardwerk zur SEPA-Methode
  • Mark Minervini: Think & Trade Like a Champion (2017) — vertiefende Strategien und Risikomanagement
  • Stan Weinstein: Secrets for Profiting in Bull and Bear Markets (1988) — die Stage-Analyse, auf der Minervini aufbaut
8/8 ⚡ Stage-2-Radar · sTraderZ.com

Schluss mit Theorie.
Jetzt scannen.

Die 8 Kriterien sind in sTraderZ.com vorberechnet — wähle ein Universum, setze einen Score-Filter, und du hast in Sekunden eine kuratierte Stage-2-Watchlist. Keine Excel-Bastelei, kein manuelles Tagging.

SCORE 8/8 · STAGE 2