Aktiva vs. Passiva
Die Bilanz ist ein Schnappschuss zum Stichtag (typisch: 31.12.). Grundgleichung:
Aktiva = Eigenkapital + Fremdkapital
Links die Mittelverwendung (was das Unternehmen besitzt), rechts die Mittelherkunft (woher das Geld kam). Beide Seiten sind per Definition gleich — die Frage ist, wie gesund die Struktur ist.
Umlaufvermögen
Alles, was innerhalb von 12 Monaten zu Cash wird: Kasse & Bankguthaben, Forderungen aus Lieferungen und Leistungen, Vorräte, kurzfristige Finanzanlagen (Geldmarktpapiere, börsennotierte Wertpapiere).
Working Capital
Working Capital = Umlaufvermögen − kurzfristige Verbindlichkeiten. Misst, wie viel operative Liquidität das Unternehmen über die laufenden Verpflichtungen hinaus hat. Negatives Working Capital ist nicht automatisch schlimm — Amazon und Walmart haben es strukturell negativ, weil sie Lieferanten später bezahlen als Kunden kassieren.
Anlagevermögen
Langfristige Vermögenswerte (> 1 Jahr): Sachanlagen (Gebäude, Maschinen, Fahrzeuge), immaterielle Vermögenswerte (Software, Patente, Lizenzen), Goodwill (bei Übernahmen bezahlter Aufpreis über Buchwert), Beteiligungen, Finanzanlagen.
Eigenkapital
Die Mittel, die den Aktionären zustehen: Grundkapital (nominal), Kapitalrücklage (Agio über Nominal), Gewinnrücklagen und einbehaltene Gewinne, abzüglich eigener Aktien (Treasury Stock — bei Aktienrückkäufen zurückgekaufte eigene Aktien).
Fremdkapital
Verbindlichkeiten gegenüber Dritten. Aufgeteilt in kurzfristig (< 1 Jahr — Lieferantenverbindlichkeiten, Steuerschulden, kurzfristige Kredite) und langfristig (Anleihen, langfristige Bankkredite, Pensionsrückstellungen, Leasingverbindlichkeiten).
Kennzahlen im Überblick
| Kennzahl | Formel | Richtwert (gesund) | Warnwert |
|---|---|---|---|
| EK-Quote | Eigenkapital / Bilanzsumme | > 30 % | < 15 % |
| Verschuldungsgrad | Fremdkapital / Eigenkapital | < 2 | > 5 |
| Current Ratio | Umlaufvermögen / kurzfr. Verbindlichkeiten | > 1,5 | < 1,0 |
| Quick Ratio | (UV − Vorräte) / kurzfr. Verbindlichkeiten | > 1,0 | < 0,7 |
| Net Debt / EBITDA | Nettoverschuldung / EBITDA | < 2–3 | > 5 |
Beispiel Apple FY2023
Eigenkapital ~$62 Mrd, Fremdkapital ~$290 Mrd → EK-Quote ~18 %. Auf den ersten Blick schwach. Aber: Apple hält zugleich ~$160 Mrd an Cash und kurzfristigen Wertpapieren. Nettoverschuldung ist negativ — das Unternehmen ist effektiv schuldenfrei, die nominellen Schulden dienen nur der Steueroptimierung (Anleihen in USA, während Cash im Ausland liegt).
Reines EK-Quoten-Denken greift bei cashreichen Firmen zu kurz. Prüfe Net Debt statt Gross Debt.
Fallen
- ❌ Goodwill-Bomben: Wenn 80 % des Eigenkapitals aus Goodwill einer Übernahme bestehen, kippt bei einem Impairment-Test potenziell 80 % des EK in eine Periode. Beispiel Bayer/Monsanto-Übernahme: Milliardenschwere Goodwill-Abschreibungen als Klagerisiken explodierten.
- ❌ Aktienrückkäufe als EK-Killer: Unternehmen wie Boeing, McDonald's und Home Depot haben durch jahrzehntelange Buybacks negatives Eigenkapital — ohne dass Pleite droht. Die EK-Quote ist dann als Kennzahl wertlos; Cashflow-Analyse wird zur einzigen verlässlichen Basis.
- ❌ Vorräte im Quick Ratio ausgeschlossen: Nicht alle Vorräte sind gleich. Ein Lager voller iPhone-Vorgängermodelle ist illiquide. Die Vorratsbewertung kann aggressive Annahmen enthalten.