6.10

📊 Volume Profile

Čtení Volume Profile: POC, Value Area, HVN/LVN, tvary profilu (D/P/b), VWAP a Naked POC jako institucionální referenční body objem-cena.

1. 📊 Od Objemu podle Času k Objemu podle Ceny

Im Grundkurs hast du Volumen als Säule unter dem Chart kennengelernt: Jede Kerze bekommt einen Balken, der zeigt, wie viel in dieser Zeitperiode gehandelt wurde. Das ist nützlich — ein Ausbruch mit dickem Balken ist ernster als einer mit dünnem. Aber dieses zeitbasierte Volumen hat eine eingebaute Blindheit: Es beantwortet die Frage „wann wurde gehandelt", nicht „wo".

📖 Baut auf: Charttechnik · Modul 5 — Volumen-Analyse (zeitbasiertes Volumen). Dieses Kapitel dreht die Achse um neunzig Grad.

Stell dir vor, du beobachtest einen Markt, der einen ganzen Tag lang in einer engen Spanne pendelt. Das zeitbasierte Volumen zeigt dir gleichmäßig hohe Balken — aber es verrät dir nicht, dass sich der mit Abstand größte Teil des Handels auf einem einzigen Preisniveau in der Mitte der Spanne abgespielt hat. Genau dieses Niveau ist das, an dem Käufer und Verkäufer sich am intensivsten einig waren. Es ist ein Anker, ein Magnet — und das siehst du nur, wenn du das Volumen nicht über die Zeit, sondern über den Preis aufträgst.

Diese Umkehrung der Achse heißt Volume Profile (oder Volume-at-Price). Statt vertikaler Balken unter dem Chart zeichnest du horizontale Balken neben dem Chart — einen pro Preisniveau. Je länger der Balken, desto mehr Kontrakte oder Aktien wechselten genau zu diesem Preis den Besitzer. Aus einer Zeitreihe wird eine Verteilung. Und Verteilungen verraten dir, wo der Markt seinen Schwerpunkt hat.

VbP, VPVR und VRVP — dieselbe Idee, andere Etiketten

Die Plattformen benennen das Werkzeug unterschiedlich, meinen aber im Kern dasselbe:

  • VbP — Volume by Price: Der Oberbegriff. Volumen aufgeschlüsselt nach Preisstufen.
  • VPVR — Volume Profile Visible Range: Das Profil rechnet exakt über den Bereich, den du gerade auf dem Bildschirm siehst. Zoomst du heraus, ändert sich das Profil mit. Praktisch zum schnellen Erkunden.
  • VRVP / Fixed Range: Du markierst manuell eine Strecke (etwa eine Rally oder einen Crash), und das Profil rechnet nur über diese feste Auswahl — egal wie du danach zoomst.

Der Unterschied zwischen „sichtbar" und „fest" ist nicht kosmetisch: Ein Visible-Range-Profil ist eine Lupe für den Moment, ein Fixed-Range-Profil eine fixierte Analyse einer bestimmten Marktphase. Welches du wann nimmst, klären wir in Sektion 4.

Die Wurzel: Market Profile und Auction Market Theory

Volume Profile fiel nicht vom Himmel — es ist die moderne, volumenbasierte Weiterentwicklung einer Idee aus den 1980er-Jahren. Der Chicagoer Händler J. Peter Steidlmayer entwickelte am Chicago Board of Trade das Market Profile. Sein Ausgangspunkt war eine einfache, aber tiefe Einsicht: Der Markt ist eine fortlaufende Auktion. Der Preis bewegt sich nach oben, um Verkäufer anzulocken, und nach unten, um Käufer anzulocken — er sucht ständig nach dem Niveau, an dem genug Gegenpartei vorhanden ist, um Handel zu ermöglichen. Diese Sichtweise heißt Auction Market Theory.

Steidlmayer maß nicht das Volumen pro Preis, sondern die Zeit pro Preis: Wie viele halbstündige Perioden berührte der Markt ein bestimmtes Niveau? Jede Periode markierte er mit einem Buchstaben — die erste halbe Stunde mit „A", die zweite mit „B", und so weiter. Diese Buchstaben stapelten sich neben jedem Preis zu Säulen. Das nannte er TPO: Time-Price-Opportunity. Jeder Buchstabe ist eine „Gelegenheit", zu der der Markt einem Akteur diesen Preis für eine bestimmte Zeit angeboten hat.

🔑 Merke: TPO misst Zeit pro Preis, Volume Profile misst Volumen pro Preis. Beide beantworten dieselbe Frage — „wo akzeptierte der Markt einen Preis" — mit unterschiedlichen Maßeinheiten. Die Formensprache (die D-, P- und b-Profile in Sektion 3) stammt direkt aus Steidlmayers TPO-Buchstabentürmen.

Warum ist diese Herkunft wichtig? Weil die Begriffe, die dir gleich begegnen — Point of Control, Value Area, die Buchstabenformen — keine willkürlichen Indikator-Erfindungen sind. Sie sind die Vokabeln einer durchdachten Theorie darüber, wie Märkte als Auktionssysteme funktionieren. Wer das Profil nur als „bunten Balken" liest, verschenkt die eigentliche Botschaft: Der Markt sagt dir, wo er sich wohlfühlt und wo er flieht.

2. 🔬 Anatomie Profilu

Ein Volume Profile besteht aus wenigen, klar benannten Bausteinen. Hast du diese vier Begriffe verinnerlicht, kannst du jedes Profil lesen — egal auf welcher Plattform.

📊 Anatomie eines Volume Profile Preis Value Area — 70 % des Volumens POC Point of Control VAH VAL HVN ▶ ◀ LVN POC HVN (hohes Volumen) LVN (geringes Volumen)
Schema: Die horizontalen Balken zeigen das Volumen pro Preisstufe. Der längste Balken (gelb) ist der POC, der blaue Kasten umschließt die 70-%-Value-Area zwischen VAH und VAL, dünne Balken (grau) sind Low Volume Nodes.

Die vier Bausteine

ElementKürzelBedeutungPraktische Lesart
Point of ControlPOCPreisniveau mit dem höchsten gehandelten VolumenStärkster Magnet — der „faire Preis" der betrachteten Phase
Value Area HighVAHObere Grenze der 70-%-VolumenzoneDynamischer Widerstand am oberen Rand des Konsenses
Value Area LowVALUntere Grenze der 70-%-VolumenzoneDynamische Unterstützung am unteren Rand des Konsenses
High Volume NodeHVNLokales Volumen-Maximum (dicker Balken)Akzeptanzzone — Preis verweilt hier, bremst Bewegungen
Low Volume NodeLVNLokales Volumen-Minimum (dünner Balken)Ablehnungszone — Preis rast hier schnell durch

Warum die Value Area genau 70 Prozent?

Die Zahl ist kein Zufall und keine reine Konvention: Steidlmayer übertrug die Idee der Standardabweichung aus der Statistik auf den Markt. In einer Normalverteilung liegen rund 68 Prozent aller Werte innerhalb einer Standardabweichung um den Mittelwert. Auf den Markt übersetzt: Die Value Area ist der Preisbereich, in dem sich etwa 70 Prozent des Handels abgespielt haben — also dort, wo der Markt seinen Preis als „fair" akzeptiert hat. Was außerhalb liegt, sind die Extreme der Auktion: Niveaus, die der Markt nur kurz testete und schnell wieder verließe.

POC und Value Area als dynamische Support/Resistance

Klassische Support- und Resistance-Linien ziehst du an markanten Hochs und Tiefs. Der POC und die VA-Grenzen geben dir volumengestützte Niveaus — und die sind oft robuster, weil hinter ihnen echte Positionen stehen. Eine typische Mechanik:

  • Nähert sich der Kurs von unten dem POC, wirkt dieser häufig als Widerstand: Viele Teilnehmer, die hier gekauft haben, wollen am Break-even aussteigen.
  • Fällt der Kurs in die Value Area zurück, fungiert die VAL-Grenze oft als Auffanglinie — und der POC wird zum Ziel einer Rückkehrbewegung (mehr dazu in Sektion 5).
  • Verlässt der Kurs die Value Area mit Schwung und akzeptiert ein neues Niveau, verschiebt sich der gesamte „faire Bereich" — ein Hinweis auf einen echten Trendwechsel statt nur eines Ausreißers.

VWAP — der institutionelle Tagesanker

Neben dem Profil gibt es eine zweite, eng verwandte Volumen-Preis-Referenz, die du kennen musst: den VWAP — den Volume Weighted Average Price, den volumengewichteten Durchschnittspreis. Während das Profil eine Verteilung über viele Preise ist, ist der VWAP eine einzige Linie: der über das Volumen gewichtete Durchschnittspreis seit Sessionbeginn.

📈 VWAP mit Standardabweichungs-Baendern Session-Zeit ▶ +1 SD -1 SD VWAP
Der VWAP (blau) ist der volumengewichtete Durchschnittspreis seit Sessionbeginn. Die gestrichelten Bänder markieren ±1 Standardabweichung — institutionelle Trader kaufen oft unterhalb, verkaufen oberhalb des VWAP.

Für institutionelle Trader ist der VWAP ein Maßstab für die eigene Ausführung: Wer unter dem VWAP kauft und über ihm verkauft, hat besser als der Tagesdurchschnitt gehandelt. Genau deshalb wirkt der VWAP intraday wie ein Magnet und ein Pivot — er ist der Preis, an dem große Adressen sich orientieren. Die Standardabweichungs-Bänder (oft als ±1, ±2, ±3 SD gezeichnet) markieren statistische Extremzonen um diesen Anker, ähnlich wie die VA-Grenzen um den POC.

📖 Brücke nach vorn: Der VWAP führt direkt zum Order-Flow-Kapitel (Phase 2). Wo das Profil dir das Resultat der Auktion zeigt, zeigt dir der Order-Flow die Auktion in Echtzeit — Bid/Ask, Delta, absorbierte Aufträge.

3. 🔤 Čtení Tvarů Profilu

Jetzt zahlt sich die Herkunft aus Sektion 1 aus. Steidlmayers TPO-Buchstaben stapelten sich zu charakteristischen Silhouetten — und diese Formen tragen ihre Namen nach dem Buchstaben, dem sie ähneln. Die Form des Profils verrät dir, in welcher Phase der Auktion sich der Markt befindet: ausbalanciert oder im Übergang.

🔤 Die drei Grundformen D Balance POC in der Mitte Markt im Gleichgewicht P Akkumulation Volumen oben, duenner Stiel Short-Covering / Akkumulation b Distribution Volumen unten, duenner Stiel Long-Liquidation / Distribution
Die drei Grundformen entstehen aus der Lage des POC (gelb) in der Verteilung: mittig (D), oben (P) oder unten (b). Der „Stiel" — der dünne Schwanz aus LVN — zeigt die Richtung, aus der die Bewegung kam.

Das D-Profil — Balance

Das D-Profil ist die Normalform: ein dickes Volumen-Maximum in der Mitte, das nach oben und unten symmetrisch dünner wird — die klassische Glockenkurve. Der POC liegt zentral. Diese Form bedeutet Gleichgewicht: Käufer und Verkäufer sind sich über den fairen Preis weitgehend einig, der Markt rotiert um seine Mitte. In dieser Phase funktionieren Mean-Reversion-Setups am besten — die Ränder werden abgewiesen, die Mitte zieht an.

Das P-Profil — Akkumulation oder Short-Covering

Beim P-Profil sitzt das dicke Volumen oben, darunter zieht sich ein dünner „Stiel" nach unten. Gelesen wird es so: Der Markt kam von unten, schoss nach oben und fand dort eine Akzeptanzzone, in der sich viel Volumen ansammelte. Das passiert typischerweise bei Akkumulation (große Adressen bauen Positionen auf) oder bei Short-Covering (Leerverkäufer decken sich panisch ein und treiben den Preis). Der dünne Stiel darunter ist die schnelle Bewegung, die kaum Volumen hinterließ. Ein P-Profil am Ende eines Abwärtstrends ist oft ein Bodensignal.

Das b-Profil — Distribution oder Long-Liquidation

Das b-Profil ist das gespiegelte P: Das dicke Volumen liegt unten, der dünne Stiel zeigt nach oben. Der Markt kam von oben, fiel schnell und fand unten eine Akzeptanzzone. Ursache ist meist Distribution (Verkäufer verteilen ihre Bestände) oder Long-Liquidation (Käufer werfen unter Druck hin). Ein b-Profil am Ende eines Aufwärtstrends ist ein Warnsignal — die Verteilung deutet auf ein Top.

🔑 Eselsbrücke: Der dicke Teil zeigt, wo der Markt verweilte; der dünne Stiel zeigt, woher er kam. P = Volumen oben (von unten gekommen), b = Volumen unten (von oben gekommen).

Die Doppelverteilung

Häufig findest du Profile mit zwei getrennten Volumen-Buckeln, verbunden durch eine dünne LVN-Zone in der Mitte. Das ist eine Doppelverteilung (engl. double distribution). Sie entsteht, wenn der Markt zunächst in einer Zone balanciert, dann mit Schwung ausbricht und auf einem neuen Niveau erneut balanciert. Die dünne Brücke dazwischen ist diagnostisch wertvoll: Sie markiert das Niveau, das der Markt schnell durchquerte und kaum akzeptierte — ein klassischer Bruchpunkt. Kommt der Preis dorthin zurück, rast er oft erneut durch (siehe LVN-Setup in Sektion 5).

Balance versus Trend

Letztlich destillieren sich alle Formen auf eine Grundfrage: balanciert der Markt oder trendet er?

  • Balance (D-Profil, breit, symmetrisch): Spiele die Ränder gegen die Mitte. Mean Reversion.
  • Trend / Übergang (P-, b-, dünne lange Profile, Doppelverteilungen): Der Markt sucht ein neues Niveau. Mean Reversion ist gefährlich — hier zählt Momentum und das Mitgehen mit der Auktion.

Diese Unterscheidung triffst du bevor du ein Setup wählst. Das falsche Werkzeug in der falschen Phase ist die häufigste Ursache für Verluste mit Volume Profile.

4. ⏱️ Typy Profilu podle Časového Horizontu

Ein Profil ist immer nur so aussagekräftig wie der Bereich, über den es rechnet. Dieselben Daten erzeugen völlig unterschiedliche Profile, je nachdem ob du eine einzelne Session, mehrere Wochen oder eine manuell markierte Strecke betrachtest. Drei Typen musst du auseinanderhalten — und wissen, welcher zu deinem Stil passt.

Session-Profil

Das Session-Profil (auch Tagesprofil) rechnet über genau eine Handelssession — einen Tag, manchmal eine Stunde. Du bekommst für jeden Tag ein eigenes Profil mit eigenem POC und eigener Value Area. Das ist das Werkzeug der Intraday- und Scalp-Trader: Der gestrige POC, die gestrige VAH und VAL sind die wichtigsten Referenzpunkte für den heutigen Handel. Eröffnet der Markt heute innerhalb der gestrigen Value Area, ist Balance wahrscheinlich; eröffnet er deutlich darüber oder darunter, deutet das auf einen Übergang.

Composite-Profil

Das Composite-Profil verschmilzt viele Sessions zu einem einzigen großen Profil — etwa über mehrere Wochen, einen Monat oder ein ganzes Quartal. Es zeigt dir die strukturell wichtigsten Niveaus: die HVN, an denen der Markt über lange Zeit viel gehandelt hat, und die LVN, durch die er stets schnell hindurchrauschte. Composite-Profile sind das Werkzeug der Swing- und Positionstrader: Sie liefern die großen Magnete und Vakuum-Zonen, die über Tage und Wochen Bestand haben.

Visible-Range- und Fixed-Range-Profil

Diese beiden gehören zusammen, weil sie beide flexibel sind, aber unterschiedlich gebunden:

  • Visible Range (VPVR): Rechnet über exakt das, was gerade auf deinem Bildschirm ist. Zoomst oder scrollst du, ändert sich das Profil. Ideal zum schnellen Erkunden — du fährst über den Chart und siehst sofort, wo die Schwerpunkte einer beliebigen Phase liegen.
  • Fixed Range (VRVP): Du markierst manuell einen Start- und Endpunkt, und das Profil rechnet fest über diese Strecke — egal wie du danach zoomst. Ideal für gezielte Analysen: das Profil einer bestimmten Rally, eines Crashs, der Spanne seit dem letzten Earnings-Bericht.

Welcher Typ für welchen Stil?

Profil-TypRechenbereichPasst zuTypische Frage
SessionEine HandelssessionIntraday, ScalpingWo lag gestern der faire Preis?
CompositeWochen bis MonateSwing, PositionWo sind die strukturellen Magnete?
Visible RangeSichtbarer AusschnittAlle, zum ErkundenWo verdichtet sich das Volumen hier?
Fixed RangeManuell markierte StreckeAlle, gezielte AnalyseWo lag der POC dieser Rally?
⚠️ Häufiger Fehler: Ein Intraday-Trader, der ein Composite-Profil über drei Monate verwendet, handelt gegen Niveaus, die für seinen Horizont irrelevant sind. Und ein Swing-Trader, der nur das gestrige Session-Profil ansieht, übersieht die großen strukturellen Magnete. Wähle den Rechenbereich passend zur Haltedauer deines Trades.

Eine bewährte Praxis ist das Kombinieren: Ein Swing-Trader legt ein Composite-Profil über das große Bild für die Struktur und blendet zusätzlich das Session-Profil für das Timing des Entries ein. So nutzt du beide Auflösungen gleichzeitig — analog zur Multi-Timeframe-Analyse aus dem Grundkurs.

5. 🎯 Praktické Nastavení

Jetzt wird aus Theorie ein Plan. Volume Profile ist kein Signalgeber, der dir „kaufe hier" zuruft — es ist eine Landkarte der Akzeptanz und Ablehnung. Auf dieser Landkarte gibt es drei wiederkehrende, robuste Setups.

Setup 1 — Value-Area-Rückkehr zum POC (Mean Reversion)

Das Brot-und-Butter-Setup im balancierten Markt (D-Profil). Die Idee: In Balance ist der POC der faire Preis, und die Ränder der Value Area sind überdehnt. Berührt der Kurs die VAL von oben (oder die VAH von unten) und zeigt eine Ablehnung — eine Umkehrkerze, ein Doji, eine lange Lunte —, gehst du in Richtung POC. Der POC ist dein Ziel, nicht der gegenüberliegende Rand: Er ist der stärkste Magnet, und bis dahin ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten.

  • Entry: Ablehnung an VAL (Long) oder VAH (Short).
  • Ziel: POC.
  • Stopp: knapp außerhalb der Value Area — denn ein klarer Bruch der VA bedeutet, dass die Balance kippt und das Setup ungültig ist.

Setup 2 — Der Naked POC als Magnet

Ein Naked POC (auch Virgin POC) ist ein POC aus einer früheren Session, den der Kurs seither nie wieder berührt hat. Diese unberührten Niveaus wirken wie offene Rechnungen: Der Markt hat dort einmal einen fairen Preis etabliert, ihn dann verlassen — und tendiert mit erstaunlicher Zuverlässigkeit dazu, irgendwann zurückzukehren und ihn „abzuholen". Ein Naked POC oberhalb des aktuellen Kurses ist ein bullisches Ziel, einer darunter ein bärisches.

In der Praxis markierst du dir die letzten unberührten POCs und behandelst sie als Ziel-Magnete: Trades in ihre Richtung haben Rückenwind, und wenn der Kurs einen Naked POC erreicht, rechnest du dort mit einer Reaktion (Ablehnung oder Verweilen).

Setup 3 — LVN als Durchbruchszone (Momentum)

Während HVN-Zonen bremsen, sind LVN-Zonen Vakuum. Erreicht der Kurs mit Schwung eine Low Volume Node, fehlt dort das Volumen, das ihn aufhalten könnte — er rast oft regelrecht hindurch bis zum nächsten HVN. Das ist das Momentum-Setup: Bricht der Kurs in eine LVN ein, gehst du mit der Bewegung und zielst auf das nächste Volumen-Cluster. Besonders sauber funktioniert das an der dünnen Brücke einer Doppelverteilung.

VWAP-Rücklauf als Confluence-Filter

Keines dieser Setups solltest du isoliert handeln. Der stärkste Filter ist Confluence — wenn mehrere unabhängige Referenzen auf dasselbe Niveau zeigen. Der intraday-VWAP ist hier dein bester Verbündeter: Fällt ein Mean-Reversion-Long an der VAL mit einem VWAP-Rücklauf von unten zusammen, hast du zwei institutionelle Anker am selben Ort. Solche Doppel-Treffer sind die Trades mit dem besten Chance-Risiko-Verhältnis.

Die Rechnung, die der Markt noch offen hatte

Warum ein zwei Tage alter Strich auf dem Chart wichtiger war als jede Nachricht.

Eine erfahrene Daytraderin — nennen wir sie archetypisch — hatte sich angewöhnt, jeden Morgen vor Handelsbeginn die unberührten POCs der letzten Tage einzuzeichnen. An diesem Tag lag genau ein solcher Naked POC rund ein Prozent oberhalb des Eröffnungskurses. Sie notierte ihn als Ziel und tat sonst — nichts.

Der Vormittag war zäh. Der Markt balancierte in einem engen D-Profil, der Kurs pendelte um seinen frischen POC. Zweimal verleitete sie eine kleine Aufwärtsbewegung fast zum vorzeitigen Long — aber die Bewegung erreichte nie die Value-Area-Grenze, das Setup war nicht da. Sie wartete.

Am frühen Nachmittag kam ein Impuls. Der Kurs brach über die VAH, lief in eine dünne LVN-Zone — und beschleunigte. Kein Widerstand, kein Volumen, nichts, das ihn hielt. Er raste hoch, genau auf den zwei Tage alten Naked POC zu. Dort, am unberührten Niveau, stockte die Bewegung erstmals und drehte. Sie hatte ihren Long am LVN-Durchbruch genommen und am Naked POC glattgestellt — das Ziel, das sie morgens eingezeichnet hatte, traf der Markt auf den Tick.

Ihre Erklärung war nüchtern: „Ich habe nichts vorhergesagt. Ich habe nur gelesen, wo der Markt noch eine offene Rechnung hatte — und gewartet, bis er sie beglich."

Die LektionVolume Profile belohnt Geduld, nicht Vorahnung. Die besten Trades stehen lange vorher als Niveaus auf der Karte — Naked POC als Ziel, LVN als Beschleuniger, VAH/VAL als Auslöser. Deine Aufgabe ist nicht, die Bewegung zu erraten, sondern vorbereitet zu sein, wenn der Markt zu seinen unerledigten Niveaus zurückkehrt.

Die Setups im Überblick

SetupMarktphaseAuslöserZiel
VA-Rückkehr (Mean Reversion)Balance (D-Profil)Ablehnung an VAH/VALPOC
Naked POCTrend / ÜbergangKurs läuft auf unberührtes Niveau zuNaked POC
LVN-Durchbruch (Momentum)Trend / ÜbergangBruch in Vakuum-ZoneNächstes HVN
VWAP-ConfluenceIntradayVWAP-Rücklauf + Profil-Niveauje nach Basis-Setup
🎯 Auf einen Blick
  • Volume Profile trägt Volumen über den Preis auf (nicht über die Zeit) und zeigt, wo gehandelt wurde — die aussagekräftigere Frage.
  • Es wurzelt in Steidlmayers Market Profile / TPO und der Auction Market Theory: Der Markt ist eine fortlaufende Auktion auf der Suche nach dem fairen Preis.
  • Vier Bausteine: POC (Volumen-Maximum, stärkster Magnet), Value Area (70 % zwischen VAH und VAL), HVN (Akzeptanz, bremst) und LVN (Ablehnung, Vakuum).
  • Die Form verrät die Phase: D = Balance, P = Akkumulation/Short-Covering, b = Distribution/Long-Liquidation, Doppelverteilung = Niveauwechsel.
  • Wähle den Profil-Typ passend zum Stil: Session (Intraday), Composite (Swing/Position), Fixed/Visible Range (gezielt/erkundend).
  • Drei Setups: VA-Rückkehr zum POC (Mean Reversion in Balance), Naked POC als Ziel-Magnet, LVN-Durchbruch für Momentum — gefiltert durch VWAP-Confluence.
  • Volume Profile sagt nichts voraus. Es zeigt die Karte. Geduld schlägt Vorahnung.