14.12

📊 Earnings & IV-Crush

Earnings-Trading: implizite Volatilität vor Quartalszahlen, der IV-Crush danach, und welche Long-Vol- bzw. Short-Vol-Strategien davon profitieren.

1. Der Earnings-Katalysator

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Dieses Kapitel ist eine kuratierte Übersicht öffentlich verfügbarer Trading-Ansätze und externer Trading-Briefe. Es spiegelt weder eigene Trading-Erfahrungen des Plattform-Betreibers wider, noch stellt es eine Anlageberatung, Empfehlung oder Aufforderung zum Kauf/Verkauf bestimmter Wertpapiere dar. Alle Angaben werden mit größter Sorgfalt recherchiert, eine Gewähr für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird nicht übernommen. Trading birgt Verlustrisiken bis zum Totalverlust.

Vor der Veröffentlichung von Quartalszahlen herrscht maximale Unsicherheit: Niemand kennt das Ergebnis, aber alle wissen wann es kommt. Diese Unsicherheit treibt die implizite Volatilität (IV) der Optionen in die Höhe — der Markt preist eine große erwartete Bewegung („Expected Move") ein. Optionen werden teuer.

Vier Mal im Jahr meldet ein Unternehmen Zahlen — und an genau diesen Tagen bündelt sich die Unsicherheit eines ganzen Quartals in eine einzige Kursreaktion. Anders als bei laufenden Nachrichten ist der Termin im Voraus bekannt: Der Markt hat Zeit, sich zu positionieren, und treibt die implizite Volatilität in den Tagen davor systematisch nach oben. Diese Vorhersehbarkeit macht Earnings zur am besten untersuchten Vola-Anomalie überhaupt — und zur Falle für alle, die nur die Prämie sehen, nicht das Risiko dahinter.

2. Expected Move — was der Markt einpreist

Bevor man auf Earnings handelt, muss man wissen, wie viel Bewegung der Optionsmarkt bereits eingepreist hat — den sogenannten Expected Move. Er ist die vom Markt erwartete Kursspanne bis zum Verfall und steckt direkt in der impliziten Volatilität.

Faustformel: Der Preis des at-the-money Straddles (Call + Put am Geldkurs) entspricht näherungsweise dem Expected Move in Dollar. Alternativ über die IV: Erwartete Bewegung ≈ Kurs × IV × √(Tage bis Verfall / 365).

Wer eine Option kauft, gewinnt nur, wenn der Kurs weiter läuft als dieser Korridor. Wer verkauft, gewinnt, solange der Kurs innerhalb bleibt — die ganze Earnings-Spekulation dreht sich um diese eine Linie.

Eingepreister Expected Move (±10 %) als Korridor um den Kurs von 100 $ — die Gewinnschwelle für Käufer liegt außerhalb der gelben Linien.
RechenbeispielWert
Kurs100 $
Implizite Vola (annualisiert)80 %
Tage bis Verfall21
√(21 / 365)≈ 0,24
Expected Move≈ ± 19 % (≈ 100 × 0,80 × 0,24)
ATM-Straddle-Preis≈ 19 $ (Gegenprobe)

Hinweis: Das Rechenbeispiel ergibt mit 80 % IV einen Expected Move von ± 19 %; der Chart-Korridor ist zur klaren Darstellung auf runde ± 10 % gesetzt.

3. IV-Crush erklärt

Sobald die Zahlen veröffentlicht sind, verschwindet die Unsicherheit schlagartig. Die implizite Volatilität kollabiert — der berüchtigte „IV-Crush". Optionen verlieren über Nacht massiv an Wert, selbst wenn sich der Kurs kaum bewegt.

ZeitpunktImplizite VolatilitätOptionspreis (ATM)
Vor Earningshoch (z.B. 80 %)teuer
Nach Earningsniedrig (z.B. 35 %)deutlich billiger

Wer Long-Vol ist (Straddle-Käufer), braucht eine Bewegung über den Expected Move hinaus, um den IV-Crush zu kompensieren. Wer Short-Vol ist, profitiert direkt vom Kollaps.

Die implizite Vola steigt über Tage zur Earnings hin an und kollabiert über Nacht nach der Veröffentlichung — der IV-Crush.
LaufzeitIV-Verhalten
Front-Monat (nächste Earnings)spikt stark, crasht stark
Back-Monat (Folgequartal)bleibt relativ stabil
FolgeTerm-Struktur invertiert → Basis des Calendar Spread

Die IV-Term-Struktur erklärt, warum der Calendar Spread funktioniert: Die kurzlaufende Option (Front-Monat) saugt die ganze Earnings-Unsicherheit auf und verliert nach den Zahlen am meisten IV, während die längerlaufende Option stabiler bleibt. Wer die kurze verkauft und die lange hält, profitiert genau von dieser unterschiedlichen IV-Sensitivität.

4. Wenn es schiefgeht — reale Earnings-Gaps

Die Theorie ist elegant, doch der IV-Crush hat eine dunkle Seite: Bewegt sich der Kurs weiter als der eingepreiste Expected Move, wird aus der „sicheren" Prämie schnell ein Vielfaches an Verlust. Zwei reale META-Fälle zeigen beide Richtungen — und treffen jeweils die Gegenseite hart.

📉 META, 3. Februar 2022 — der Absturz

META fällt nach schwachen Q4-2021-Zahlen weit unter den eingepreisten Korridor (gelb) — ein Gap, das kein Stop-Loss über Nacht abfangen konnte.
KennzahlWert
Schluss vor Earnings320,49 $
Eingepreister Expected Move± 9,2 % (ATM-Straddle 29,57 $)
Tatsächliche Bewegung−26,4 % (Schluss 235,91 $)
Bewegung ÷ Expected Move≈ 2,9×

Straddle-Käufer: Gewinner — die Bewegung übertraf den Expected Move um fast das Dreifache, der Gewinn auf der Put-Seite überkompensierte den IV-Crush deutlich. Strangle-/Iron-Condor-Verkäufer: Desaster — der Kurs durchschlug die Short-Puts weit, der Verlust betrug ein Vielfaches der vereinnahmten Prämie. Stop-Loss-Orders waren wertlos, weil der Gap über Nacht entstand und der Handel erst 26 % tiefer wieder eröffnete.

Quellen: StatMuse (Kurse), OptionSlam (Straddle / Implied Move), CNBC (Kursreaktion).

📈 META, 2. Februar 2024 — der Sprung nach oben

Zwei Jahre später springt META nach starken Zahlen über den oberen Korridor — das Gap-Risiko trifft diesmal die Call-Verkäufer.
KennzahlWert
Schluss vor Earnings391,71 $
Eingepreister Expected Move± 7,15 %
Tatsächliche Bewegung+20,3 % (Schluss 471,29 $)
Bewegung ÷ Expected Move≈ 2,8×

Straddle-Käufer: erneut Gewinner — diesmal explodierte die Call-Seite. Strangle-/Condor-Verkäufer: Verlust auf der Call-Seite; ein gedeckter Call hätte die Aktie zum Strike abgegeben und die gesamte +20-%-Rallye verpasst. Die Lehre: Das Gap-Risiko ist beidseitig — auch gute Nachrichten ruinieren den Vola-Verkäufer.

Quellen: StatMuse (Kurse), Nasdaq (Implied Move), Bloomberg (Kursreaktion).

MerksatzDer Verkäufer gewinnt oft — bis er einmal nicht gewinntEin einziger Gap über die Short-Strikes kann die Prämieneinnahmen vieler Monate auslöschen.

5. Pre-Earnings (Long-Vol) vs. Post-Earnings (Short-Vol)

Long-Vol vor Earnings: Straddle/Strangle kaufen, auf eine Überraschung setzen. Gewinnt nur, wenn die tatsächliche Bewegung die eingepreiste übertrifft.

Short-Vol über Earnings: Strangle/Iron Condor verkaufen, die aufgeblähte Prämie kassieren, vom IV-Crush profitieren. Gefahr: ein Gap über die Short-Strikes hinaus.

Calendar Spread: Nutzt, dass die kurzlaufende Option stärker IV verliert als die längerlaufende.

AnsatzPositionGewinnt wenn …Größtes Risiko
Long-Vol (vor Earnings)Straddle/Strangle kaufenBewegung > Expected MoveIV-Crush bei kleiner Bewegung frisst die Prämie
Short-Vol (über Earnings)Strangle/Iron Condor verkaufenBewegung < Expected MoveGap über Short-Strikes = Verlust ≫ Prämie
Calendar SpreadFront verkaufen, Back kaufenFront-IV crasht stärker als Back-IVgroße Bewegung sprengt beide Beine
Warnung — Gap-RisikoEarnings erzeugen KurslückenStop-Loss-Orders greifen über Nacht nicht — das Risiko realisiert sich beim Open.

6. Earnings Long Straddle

⚡ Optionen ↔️
★★★★☆

Kauf von ATM-Call + ATM-Put vor Earnings — profitiert von einer großen Kursbewegung in beliebige Richtung.

▸ Auf einen Blick
📋 Setup
EinzelaktieKauf 1 Tag vor EarningsATMkurze LaufzeitExit direkt nach der Zahl
Aufbau:
  • Vor dem Earnings-Termin ATM-Call + ATM-Put kaufen
  • Profit bei großem Gap über die eingepreiste Erwartung hinaus
  • Nach der Zahl schließen — IV-Crush wirkt gegen die Long-Vega-Position
  • Verlust begrenzt auf gezahlte Prämie
1
Vor den Earnings einen Straddle (Call + Put am Geld) KAUFEN — Wette auf eine große Bewegung.
2
Achtung IV-Crush: die Bewegung muss größer sein als die teuer eingekaufte erwartete Bewegung.
3
✅ Kurs springt stark (über den Break-Even)? Gewinnerseite verkaufen, bevor der Zeitwert verfällt.
4
⚠️ Bewegung zu klein? IV-Crush frisst den Wert über Nacht — Verlust ist auf den Debit begrenzt.
5
🔔 Am Tag nach Earnings? Zeitnah schließen — der Vorteil ist sofort verbraucht.
  • ✅ Richtungsunabhängig
  • ✅ Definiertes Risiko (Debit)
  • ✅ Profitiert von Überraschungen
  • ⚠️ IV-Crush vernichtet Zeitwert sofort
  • ⚠️ Bewegung muss die erwartete Move übertreffen
  • ⚠️ Teuer bei hoher IV
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7. Earnings Short Strangle / Iron Condor

⚡ Optionen ↔️
★★★★★

Verkauf von OTM-Optionen vor Earnings — vereinnahmt die aufgeblähte IV und profitiert vom IV-Crush nach der Zahl.

▸ Auf einen Blick
📋 Setup
EinzelaktieVerkauf vor EarningsShort-Delta 0.10–0.20Exit nach IV-Crush
Aufbau:
  • Vor Earnings OTM Put + OTM Call verkaufen (Strangle) oder als Iron Condor mit Flügeln absichern
  • Hohe Prämie durch aufgeblähte implizite Volatilität
  • Nach der Zahl kollabiert die IV → Position verliert schnell an Wert → Gewinn
  • Gefahr: Gap über die Short-Strikes hinaus
1
Vor Earnings einen Strangle VERKAUFEN (OTM-Call + OTM-Put) — du kassierst die teure Event-Prämie.
2
Plan: vom IV-Crush profitieren, wenn die Bewegung kleiner ausfällt als eingepreist. Risiko ist nackt!
3
✅ Bewegung klein, IV bricht ein? Am Morgen danach mit großem Gewinn schließen.
4
⚠️ Bewegung größer als erwartet? Undefiniertes Risiko — sofort die bedrohte Seite managen oder schließen.
5
🔔 Direkt nach dem Event? Gewinn realisieren — nicht auf weitere Cent warten.
  • ✅ Profitiert direkt vom IV-Crush
  • ✅ Hohe Prämie
  • ✅ Iron-Condor-Variante mit definiertem Risiko
  • ⚠️ Gap-Risiko (unbegrenzt beim nackten Strangle)
  • ⚠️ Earnings-Surprise sprengt die Range
  • ⚠️ Erfordert Disziplin beim Exit
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8. Earnings Calendar Spread

⚡ Optionen ↔️
★★★☆☆

Verkauf der kurzlaufenden (hoch-IV) Option + Kauf der längerlaufenden Option am selben Strike — nutzt den unterschiedlichen IV-Crush der Laufzeiten.

▸ Auf einen Blick
📋 Setup
EinzelaktieATM-StrikeFront-Month um EarningsLong Back-MonthExit nach der Zahl
Aufbau:
  • Short Front-Month-Option (verfällt kurz nach Earnings, hohe IV) + Long Back-Month-Option (gleicher Strike)
  • Front-Month verliert nach der Zahl stärker an IV als Back-Month
  • Profit, wenn der Kurs nahe dem Strike bleibt
  • Definiertes Risiko = Netto-Debit
1
Calendar aufsetzen: kurzlaufende Option (Earnings-Woche) verkaufen, längerlaufende kaufen — gleicher Strike.
2
Plan: die kurze, teure Event-Option verliert nach Earnings stark an Wert (IV-Crush), die lange hält Wert.
3
✅ Nach Earnings, kurze Option eingebrochen? Kurze Seite zurückkaufen, Gewinn realisieren.
4
⚠️ Kurs springt weit weg vom Strike? Calendar verliert — anpassen oder schließen.
5
🔔 Verfall der kurzen Option? Rollen oder die Position auflösen.
  • ✅ Geringeres Risiko als nackte Short-Vol
  • ✅ Profitiert vom Term-Structure-Crush
  • ✅ Definierter Maximalverlust
  • ⚠️ Großer Move schadet (Kurs verlässt den Strike)
  • ⚠️ Komplexeres Setup
  • ⚠️ Liquidität zweier Laufzeiten nötig
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9. Was die Statistik sagt

Earnings-Vola ist eines der am besten erforschten Felder im Optionshandel. Die Zahlen erklären, warum systematische Vola-Verkäufer langfristig einen Edge haben — und warum ein einziger Ausreißer ihn trotzdem auslöschen kann.

KennzahlGrößenordnungBedeutung
IV-Crush-Magnitude≈ 30–50 % (im Mittel rund 38 %)typischer IV-Rückgang über Nacht nach den Zahlen
Bewegung < Expected Move≈ 65–72 % der Fällestruktureller Edge des Vola-Verkäufers
Straddle-Käufer verliert≈ 65 % der TradesLong-Vol gewinnt nur bei einer Bewegung über den Expected Move hinaus

Quellen: tastytrade Market Measures (529 Aktien, 17.966 Earnings-Events: 65 % der Straddle-Käufe verlieren), ORATS-Backtest (5.217 Earnings, 20.868 Trades) sowie Branchen-Auswertungen zur IV-Crush-Magnitude (im Schnitt rund 38 %). Die Größenordnungen variieren je Underlying, IV-Regime und Stichprobe. Einzelne Earnings sind nicht prognostizierbar — die Statistik gilt nur über viele Trades.